Ambulante Psychotherapie bei Personen mit Autismus-Spektrum-Störung: Zugang und Zufriedenheit

Silke Lipinski (1,2), Ulrike Sünkel (2,3), Hanna Drimalla (1,2), Elisabeth Blanke (1,4), Thomas
Bergmann (2), Regina Hartmann (2), James Anglim (2), Oliver Speer (2), Isabel Dziobek (1,2)

(1) Humboldt-Universität zu Berlin
(2) Autismus-Forschungs-Kooperation Berlin (AFK)
(3) Eberhard Karls Universität Tübingen
(4) Max-Planck-Institut für Bildungsforschung


Hintergrund: Im Hinblick auf ambulante Psychotherapie (aPT) äußern Personen mit einer
Autismus-Spektrum-Störung (ASC) häufig das Empfinden, erschwerte Bedingungen zu haben.
Diese Studie erfasst, inwieweit Personen mit ASC einen erschwerten Zugang zu aPT haben,
welche Wünsche bezüglich Kontaktaufnahme und TherapeutInnen vorliegen sowie die Zufriedenheit mit bereits gemachten aPT.


Methode: Für die Teilnahme an einer anonymen Online-Fragebogen-Studie wurden in InternetForen und Selbsthilfegruppen 139 Teilnehmer mit ASC (Alter: M=39, SD=12; 63% Frauen)
und 96 Teilnehmer (K) mit der Hauptdiagnose Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) oder
Zwangsstörung (OCD) (Alter: M=34, SD=10; 79% Frauen) rekrutiert und zu ihren Erfahrungen
mit aPT befragt. Die Diagnose musste durch einen Facharzt oder Psychologen gestellt worden sein. Ein Einfluss von Geschlecht auf die gruppenübergreifenden Ergebnisse konnte nicht
nachgewiesen werden.


Ergebnisse: Obwohl Teilnehmer mit ASC im Alltag ohne Hilfe signifikant weniger zurechtkamen (p=.002) und tendenziell häufiger als die Kontrollpersonen über eine aPT nachgedacht
hatten (p=.097), haben diese insgesamt signifikant weniger Therapien gemacht (p=.002). Bei
der Suche nach einer aPT unternahmen die ASC Personen weniger Kontaktaufnahmen (p=.000)
und erhielten weniger Absagen als die klinische Kontrollgruppe (p=.000). Dennoch gaben 105
(81%) Personen mit ASC an, den Zugang zu aPT erschwert zu empfinden (K: n=64; 74%). Als
Mittel zur Kontaktaufnahme wünschten sich Personen der ASC Gruppe signifikant häufiger
E-Mail als Personen der Kontrollgruppe (p=.000). Weitere Ergebnisse, wie Wünsche bezüglich
TherapeutInnen-Verhalten und PatientInnen-Zufriedenheit sollen auf der Tagung vorgestellt
werden.


Schlussfolgerungen: Personen mit ASC haben trotz größeren Hilfebedarfs und häufigeren
Gedanken an eine aPT weniger Kontaktaufnahmen als die Kontrollgruppe unternommen. Im Unterschied zu klinischen Kontrollpersonen war für Erwachsene mit ASC das wünschenswerteste
Mittel zur Kontaktaufnahme E-Mail. Die subjektive Einschätzung des erschwerten Zugangs zu
aPT könnte also mit den typischerweise angebotenen Kontaktwegen für aPT zusammenhängen,
die nicht auf die Bedürfnisse autistischer Menschen zugeschnitten sind.


Sponsoren: Silke Lipinski erhielt ein Promotionsstipendium der Stiftung Irene.
Interessenkonflikte: /
Kontaktadresse: M.A. Silke Lipinski, Luisenstraße 56, 10117 Berlin
Tel: 0157-83957509, Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!